Apoldaer Stadtgeschichten
Historie aus dem Grönland (1)

Dieser Stadtteil an der Südostecke lag damals weitab von der Altstadt und wurde erst später durch die Verlängerung der Bergstraße mit dem "Inlande" verbunden. (Umgangssprachlich wurde aus dem „Grün-Land“ eben Grönland, was weniger mit der Kälte und eher mit dem wenig bebauten Land im Grünen zu tun hatte.) Ihre Abgeschlossenheit war auch die Ursache, dass sich die Anwohner des Grönlandviertels sowohl in wirtschaftlichen Angelegenheiten als auch in familiären und gesellschaftlichen Dingen als eine "Gemeinde" für sich fühlten. Und dieser freund-nachbarschaftliche Gemeinschaftsgeist hat sich zum großen Teil fortgeerbt bis auf den heutigen Tag. Deshalb kommen wir gern dem Wunsche nach, dieses kleine Stück aus dem Volksleben Apoldas mit in die Lokalgeschichte aufzunehmen und lassen hier den Einsender sprechen.
Ech ha nech emmer Lust derzu, met Verschen anzeecken,
mer hat etz nech de netge Ruh, on annre Sorgen drecken.
Verdimmig! En Apolle es dach emmer nach gruße Nut,
dach hoff mer nur, es werd bald, on alle grein ehr Brut,
De friehere Beschaulichkeit, es wuhl verbei ver immer,
de Orginale hon sch gelet, on neie komme nemmer.
Ech well nur heite nach emal, Herrn Vitus (siehe Vitus von Kapenndorf) ze Gefalle,
vom alten Grönland dazemal, den`s angeht ech was erzähle.
Vielleicht erinnerts s`ch der on jener noch on schmunzelt ver sech schtelle - s`warn prächtge liewe Leite dach - von Belleng bis zer Trelle.
Das war damals da draußen auf Grönlands Höhe ein Völkchen ganz für sich. Arbeitsam, sparsam mit jedem Pfennig, dabei aber voller Humor und auch Beschaulichkeit. Man ging bei Nachbersch räwer on näwer voller Aufrichtigkeit. Gegenseitig hielt man sich auch gern zum Narren und freute sich zusammen über jeden gelungenen Värsch (kleines freundliches Trinkgelage).
Neben der Arbeit wurde auf einen richtigen Stammnachfolger wert gelegt. Bei den "Eingeborenen" war jedes Jahr regelmäßig eens fällig, on s wußte eens ven annern - emmer su hallwegs. De ranwachsenen Kinner mußten de Kleen met ofziehn. On wenn de grußen en dr Schule warn, da mußte dr gruße Nuckel herhalte.
E Läffel Zocker nei, ee Linschen Bliemchen hengenach, das e saftg worde, hernach `n Schtäpsel drof, - so mei Kind, - Motter muß arbeite, beß hübsch schtelle on speel met`n Bauklätzchen - s`kam och vor, daß se mal zu schtelle en enner Ecke saßen, - da roch mersch aber och bald. Aber groß on schtramm sen se alle geworn, on Tuberkeln hat keens nech gehabt. Bei Zeiten waren die Kinder mit in der Werkstatt tätig on`s Schpulrad mußte en allen Tönen singen, wie heute das Radio. Jedenfalls hatten die Frauen schon damals nichts zu lachen und mußten feste offn Bosdn sei. Eine bekannte und hochgeschätzte Grönländerin war "Guste", de Obermeestern. Ein Vorbild in der Arbeit und dabei ein goldiges Gemüt und voller Humor. Auch "Emma" war aus demselben Holz, ebenso die stille Anna un em anre.
Der Mittelpunkt  am Abend war der Stammtisch im "Sock". Die Benennung erfolgte anläßlich einer Neujahrsgratulation 1889 an den damaligen Wirt durch den stets zu Ulk aufgelegten Boomfiedel vom Schloßberg, wie ja auch verschiedene andere Städter gern im Grönland verweilten. Ein richtiger Stammtischabend wurde meistens noch durch einen verdächtigen Pikkus verschönt. Da brachte z.B. H. Luis än Schaffen voll Bratworschtkließchen met veel Zippeln. Es wurde geschwänzt, wenn schon  jeder wußte, dass Reese am Nachmittag ongne in dr Stadt bei Gottlom gewesen war.

Historie aus dem Grönland  (2)

Ein Kleeblatt aus der Stadt hatte außerdem noch seinen Wigwam im Faulborn aufgeschlagen. Da wurde Skat gekloppt und nebenbei gab`s Gebratenes. Wenn es auch nicht immer Hase oder Rebhühner von „hintenherum durch den Gartenzaun“ waren. Es gab auch Igel, Raben, auch 'mal einen fetten Mops vom Nachbarn D., der die berühmte Sorte gezüchtet hat! (Dobermann, eigentlich Tobermann)
Emal heng e grußer Fleescherhund abgezochen am Zaun, der sulle veronglickt sei. Ich kam zufällig vorbei und mußte da gleich ee paar Eemer Kartoffeln von meinem Vater holen, se wullten wahrscheinlich ruhe Kließe derzu mache.
So ein Festessen wurde dann durch Musik und Gesang gehoben, und ich höre heute noch die rauhen Grönländerstimmen zur Gitarre singen: "Im tiefen Keller sitz` ich hier ..."
Ein gemütliches altes Haus war "Nikolaus", immer ein Lächeln im bartlosen Gesicht, schwarze Krimmermütze auf dem Kopf, blaue Schürze, ehemals weiße Hosen, die ab und zu hinten marmoriert waren. Er brauchte öfter mal das stille Häuschen (met Härzschen), und eines nachts hatte man es ihm vom Hofe weggetragen. Am annern Morchen steht dasselbe bei Boomfiedeln (heute „Falkenburg“) vor der Ladentür am Schloßberg.
Neben der Politik gab es im "Sock" noch andere Unterhaltungen. So z.B. okkultische Sitzungen. "Heinrich" war das Medium, Windmöllersch`s Fretz der Beschwörer und Emil machte den Geist. Die Verständigung erfolgte mittels gegenseitigen Ruf und Antwort durch den Schornstein. Im Zimmer war an der Esse ein Schieber, der geöffnet wurde. H. war jedesmal ganz erschöpft und glaubte die erste Zeit an den Schwindel.
Ein Spaßobjekt war auch H. Karl, der Mutz, welcher gern nach Freibier ging. Alle Luderei wurde getrieben und jeder kam auf seine Kosten. Verstimmungen gab es kaum. Nur einmal, als man es mit H. Louin zu arg getrieben hatte, meinte der Nachbar, ebber ihre Schwelle träte ech nech wedder. Da ließ der "Sock" eine neue Schwelle von Jacobs Hermann anbringen, und dann erfolgte die Einladung an L. im Vorbeigehen. "Nachbar, de alte Schwelle es weg, habe eene neie eingellt, da kum`se schon wedder komme."
Ein Hauptjux war wohl, dass der alte Christian zum Bürgermeister von Grönland gewählt wurde. Früh prangte ein mit Wappen gemaltes Schild über der Haustür. Gratulationen erfolgten und es gab ein allgemeines Hallo. Nichtsdestoweniger hat er seine Gemeinde über 25 Jahre im städtischen Gemeinderat vertreten. Anläßlich seiner goldenen Hochzeit wurden ihm durch die städtischen Behörden und Gemeinderatsmitgliedern Ehrungen zuteil.
Das Marmorbildnis der Penthesilla über der Haustür des ehemaligen Wickelschen Hauses hatte der alte Christian einstmals bei einem Spaziergang durch den Tiefurter Park mitgebracht. Es war dort ein Musentempel niedergerissen worden und da lag das Bild bereits im Schutt, von wo er es herausnahm und mit nach Hause brachte. Er soll wohl überhaupt eine kleine Schwäche für Altertümer gehabt haben. So waren auch aus dem Heusdorfer Kloster angeblich die hölzernen Orgelpfeifen verstaut. Die Katzen kriegten ihre Jongen darin, dann wurden Starkasten, Karnickelhöhlen usw. daraus. So geht alles seinen Weg, und auch die alten Grönländer sind wohl mit ganz einzelnen Ausnahmen dahingegangen, aber werden durch diese Zeilen gern den Faden aufgreifen und Erinnerung wachrufen, die die Vergangenheit immer wieder so viel besser als die Gegenwart erscheinen läßt.

aus: "Apoldaer Tageblatt"  19.12.1934


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