Kölner Domglocke erklang in Apolda
Bewegende Film-Welturaufführung

Von Festlichkeit und Eröffnungsstimmung war die offizielle Einweihung im Mai 1995 des Holiday Inn Hotels (jetzt Hotel am Schloss Apolda) ohnehin geprägt. Als dann Frau Dr. Anke Leineweber-Jung, Rechtsanwältin in Köln und Beraterin der Forum Immobilien Beteiligungs GmbH&Co. KG,  angesagt wurde, nannte sie erregt den echten Höhepunkt: Die Welturaufführung und Übergabe eines 71 Jahre alten Orginalfilms über Transport bis zur Segnung der Glocke St. Peter (alias Decke Pitter), die bekanntlich in Apolda (am 05. Mai 1923) durch Heinrich Ulrich gegossen wurde. Ergriffen vernahmen die 216 geladenen Gäste die Geschichte, verstummten bewegt, als die Bilder auf der Leinewand flimmernd zeigten, wie die Glocke auf Eichenrollen aus der Apoldaer Gießerei zum Bahnhof bewegt wurde.
In diese andächtige Stimmung erklangen eingespielt, mahnend und eine neue Zeit kündend, die Glocken des Kölner Doms. Welche Geschichte nun eröffnete sich den Gästen im Festsaal, der auf den Namen "Decke Pitter" geweiht wurde?
Der Kurzfilm wurde 1924 als Dokumentation über die fertiggestellte Petersglocke beim Abtransport in Apolda am 12. November 1924, ihre Ankunft in Köln am 14. November 1924, ihre feierliche Weihe durch den Kölner Erzbischof Kardinal Karl Joseph Schulte und den Einzug in den Dom in den Glockenturm gedreht.
Ist es Zufall, dass die Herren Dick und Krükel (1994/1995 2. Vorsitzender der Wirtschaftsförder-Vereinigung), ein Aachener und ein Kölner, ausgerechnet Apolda als Standort für ein Schloßhotel (Spatenstich 1993 noch für Holiday Inn Garden Court) wählten? Eine Verbindung ganz besonderer Art ist es schon: In Apolda befand sich die berühmte Glockengießerei Ulrich, die 1924 bereits auf eine mehr als sechhundertjährige Familien- und Firmentradition zurückblicken konnte.
Friedrich Schiller besuchte sowohl Volkstedt bei Rudolstadt als auch die Gießerei Ulrich und ließ sich da von den Eindrücken inspirieren, die im "Lied von der Glocke" einem Denkmal gleich ihren Niederschlag fanden. Die St. Peters-Glocke, mit 25 Tonnen, 3,18 Metern Höhe und 3,24 Meter im größten Durchmesser, die heute wie damals größte freischwingende und in Funktion befindliche Glocke der Welt, wurde in Apolda, in Thüringen, gegossen.
Sie ist Nachfolgerin der Kaiserglocke des Kölner Doms, die im 1. Weltkrieg eingeschmolzen und zu Kanonen verarbeitet wurde. Gleich nach dem Krieg setzte sich die Kölner Bürgerschaft dafür ein, durch Reichsmittel und Spenden eine neue Glocke anzuschaffen, die die (vom Guß und Ton her ohnehin mißglückte) Kaiserglocke ersetzen sollte. Maßgeblich wurde das Vorhaben durch den damaligen Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, dem späteren Bundeskanzler, der bei der Reichsregierung die Bewilligung der Gelder für die "Deutsche Glocke" (so der offizielle Name) erlangte. Im März 1922 erhielt die Glockengießerei Ulrich in Apolda den Auftrag zur Fertigung - für die damals ungeheuere Summe über 1 Mio Mark allein für das Material. Der Glockenguß, ein Meisterwerk der Technik, eine Leistung, die Kunst und Meisterschaft ihrer Schöpfer vereinte, erfolgte durch die beiden Glockengießereimeister Heinrich Ulrich, dem Inhaber, und seinen Schwager Josef Stock. Die Glocke wurde am 5. Mai 1923 fertiggestellt.
Da den Kölnern (nicht nur ihnen) in der Inflation die Preise davon liefen, konnten sie ihre Glocke nicht bezahlen. Konrad Adenauer brachte sodann mit bewährter kölscher Klüngelmethode durch Spenden betuchter Bürger die noch fehlenden 5.000 Dollar zusammen, um "seine" Glocke in Apolda einlösen zu können. Bis zum Versand verging aber noch ein weiteres Jahr. Das von den Engländern besetzte Köln war von einem französischen Besatzungsring umgeben. Man befüchtete eine Beschlagnahme der Glocke durch die Franzosen. Erst als mit ihnen der Streit über die Reparationszahlungen beigelegt war, konnte die Glocke auf die Reise gehen.
Am 14. November 1924 empfing der Kölner OB Adenauer während eines feierlichen Akts, an dem rund 40.000 Kölner teilnahmen, die "Deutsche Glocke", den Decke Pitter.
Die Geschichte schlägt heute einen großen Bogen zwischen Köln und Apolda und bezieht die Familie Konrad Adenauer direkt ein. Die Enkel ermöglichten als geschäftsführende Gesellschafter des Bauunternehmens „Bauwens“ den Hotelbau am Fuße des Apoldaer Schlosses. Einer davon, auch ein Konrad Adenauer, trug sich im Jahr 1995 in das Goldene Buch der Stadt Apolda ein.
Und noch eine interessante Parallele: 1924 wurde das Glockenprojekt durch Spenden Kölner Bürger gerettet. Als 1994 das Land Thüringen seine gegebene Bürgschaftszusage nicht einlösen konnte, wurde durch die Bereitschaft der Firma Bauwens und der Herren Adenauer das Hotel-Projekt vorfinanziert und fertiggestellt.
So wie sich die Kölner an der Apoldaer Glockenkunst bereits  80 Jahre (im Jahr 2004) erfreuen können, ist nun den Apoldaern Gelegenheit gegeben, Kölner Baukunst inmitten der Stadt zu erleben.
Schon wieder ein Zufall? Vielleicht! Der Film jedenfalls und zahlreiche Fotos befanden sich im Besitz der Familie Dr. Volker Stock, Enkel des Glockengießers Josef Stock, eng befreundet mit Frau Dr. Leineweber-Jung, Beraterin und Baurechtsspezialistin des Unternehmens Bauwens.
Der Film über die Glocke verblieb als Erinnerung an das schönste und größte Glockenexemplar seit 1924 in der Familie Stock. Da der Glockengießer Stock der Zentrumspartei Adenauers nahestand, wurde der Film 1934 von den Nazis beschlagnahmt und zensiert. Politisch verdächtige Teile des Films wurden herausgeschnitten, so dass heute nur noch eine verkürzte Fassung zur Verfügung steht.
1960 verließ die Familie Stock Apolda und Thüringen und nahm die Familienerbstücke mit. Dazu gehörten auch der Film, das von Stock gegossene 40 cm hohe Glockenmodell und Fotos der Glocke und der Glockengießerei. In der Not der damaligen Zeit wollte der Sohn des Glockengießers den Film der Stadt Köln bzw. dem Domkapitel verkaufen. Der gebotene Preis war aber so gering, dass Johannes Stock trotzig beschloß, sein Erbstück zu behalten. Das ist aus heutiger Sicht nun ein echter Glücksfall, denn als die Rechtsanwältin die Familie Dr. Stock befragte, ob der Film leihweise zur feierlichen Eröffnung des Schloßhotels (im Jahre 1995) zur Verfügung stehen würde, beschloß die Familie spontan, diesen der Heimatstadt Apolda, die einzig würdig dafür erschien, als Geschenk zu überreichen.
So endet die Kette der Zufälle, und der Kreis schließt sich zwischen Köln und Apolda. Die Feier zur Segnung der Petersglocke in Köln vereinte die Väter und Großväter, die Eröffnunsfeier des Schloßhotels die Enkel und Urenkel in der Heimatstadt der damaligen Akteure. In Apolda berichtet das weithin bekannte Glockenmuseum über die Geschichte der Glocken und den Glockenguß in Apolda. Ein Kölner, Bernd Krükel, arbeitet an einem Buch über die in Apolda gegossene Kölner Domglocke und ist erfüllt von der Vision, dass im Jahr 2000, zur Jahrtausendwende, ein Weltgeläut erklingen möge, welche alle in Apolda gegossenen Glocken vereint.
(verfasst von H. Mähler im Jahre 1995, veröffentlicht Apolda-live 10/1995)
Dies fand bereits zum 1. Weltglockengeläut in der Stadt Apolda 1999 ihren Niederschlag. Es folgte im „Olympiazyklus“ bereits das 2. Weltglockengeläut im August 2003.

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