|
| Weihnachten ohne Stollen? |
Es darf auch Schüttchen sein!
Man sagt, Weihnachten ohne Stollen ist wie Winter ohne Schnee. Hierzulande ist auch Schittchen umgangssprachlich geläufig. Die Hauptsache sind aber viele Rosinen und Sultaninen, Zitronat, Orangenat und eine Handvoll Mandeln. Ob Butter-, Mandel-, Mohn- oder auch Quarkstollen - viel Staubzucker ist immer gefragt. Er liegt quasi wie Schnee über dem feinen Backwerk. Nur für die besten Schittchen kann es in Thüringen das Prädikat "Thüringer Qualitätsstollen" geben. Ob man den Stollen Stolle (wie in der Geburtsstätte Sachsen) nennt oder Schüttchen (auch Schittchen), wie in einigen Thüringer Gebieten, soll keinen Streit entfachen. Der Stollen (einst ein einfaches Fastengebäck) gehört zu Weihnachten wie der Hase zu Ostern. Jedes Fest hat seine Besonderheiten ... Der Christstollen ist zuerst in den Backstuben der Klöster entstanden. Die Innungen des Bäckerhandwerkes übernahmen die Tradition und führten das Backwerk zur Blühte. Am berühmtesten ist wohl der sächsische Christstollen. 1457 wurde er nachweislich vom Koch des Schlosses Hartenstein bei Torgau in Sachsen erstmals gebacken. Im Jahre 1474 wurde er (erstmals?) erwähnt und zwar in einer Rechnung an das Dresdner Hospital vom Heiligen Bartholomäus. Damals schon wurde der Stollen als Weihnachtsgabe gekauft. Nicht minder geschickt verstehen die Thüringer Bäcker ihr Handwerk. Die Rezepte mögen ähnlich sein, die Rituale sind aber von den Regionen unterschiedlich geprägt. Altersmäßig laufen die Thüringer den Dresdnern ohnehin den Rang ab. Erste schriftliche Zeugnisse entstammen dem Jahr 1329. Der Bischof Heinrich in Naumburg erteilte den Bäckern ein neues Zunftprivileg. Einzige Bedingung: Ihm und seinen Nachfolgern sollten fortan zu Weihnachten stets zwei Stollen aus je ½ Scheffel Weizenmehl geliefert werden. Daraus kann einfach das Gewicht eines Naumburger Stollens, gut und gerne 7 kg, errechnet werden. Weil die Bäcker zu Naumburg der Kirche zum Christfest zwei große Schittchen liefern mußten, gab es auch eine Rechnung. Deutsche Gründlichkeit und ein heutiger Beleg! Man nahm es damals offenbar nicht so genau mit dem „Fastengebäck“, genauer schon mit den Privilegien ... In Arnstadt verausgabte der Stadtrat für seine Bediensteten für weihnachtliches Backwerk (elf christbrot im Jahre 1443, elf christwegke im Jahre 1445 und zehn christscheyet im Jahre 1461) Geld und bekam dafür Rechnungen. Als “Nebenaufwendung” beim Glockenguss, große Glocke für den Erfurter Dom, sind in den Rechnungen des Jahres 1495/1496 “Eierschittgen oder Schüttgen” aufgeführt. In Kleinstädten wie Apolda bereiteten die Frauen meist den Teig zu Hause vor, brachten grammgenau die Zutaten ein, ließen die "gute Butter" warm werden und beobachten genau, wie die Hefe in entsprechender Wärme trieb. Nach Stunden der Vorbereitung, die Rezepte blieben Familiengeheimnis, brachten die Frauen oder die Männer die schweren Bleche mit den bereits vorgeformten Schüttchenteig in die Backstuben. Nach dem ersten Brotbacken waren die Öfen noch heiß genug für die Weihnachtsbäckerei. Die Anzahl der Stollen entsprach der Familiengröße, dem Appetit und den Wochen bis zum und nach dem Fest. Nicht selten wurde das letzte Schüttchen bis zum Osterfest aufgehoben - ohne den heißen Butterbestrich. Man sagte, dass das Schüttchen dann erst richtig “durchgezogen” (mürbe) war und besser als alle anderen schmeckte. Dieses "heilige Ritual" ist kaum noch anzutreffen. Längst haben die industrielle Fertigung, das Backen in Großbäckereien, die mühevolle Arbeit im Haus abgelöst. Übrigens: Im Gegensatz zum Dresdner Stollen wird das Thüringer Schüttchen vor dem Backen nicht umgeschlagen, sondern eingeschnitten. Dann wäre es eigentlich ein Schnittchen ... Mit Eröffnung der Stollen-Saison 2004 in Thüringen wurde ein Jubiläum begangen: 675 Jahre Thüringer Stollen. Das Backwerk darf das Erfurter Rad tragen. Erstmals wurde in Erfurt ein Schittchen-Engel gekürt: Theresa Meyer, Lehrling im 3. Lehrjahr. Das Schittchen hat in den Monaten Oktober bis Dezember positive Wirkungen auf den Umsatz, bis zu 30 % bei den Bäckern – nicht nur in der Berufsgruppe. Auf der Tourismusmesse in London (November/Dezember 2004) präsentierte Thüringen natürlich das Schüttchen – einen Weihnachtsstollen zum Anbeißen ... |
|
|
|
| Dichter und Alpinist – Rudolf Baumbach |
|
lesen...
|
|
| Die heilige Elisabeth von Eisenach |
|
lesen...
|
|
| Handwerker-Cup 2010 - |
|
lesen...
|
|
|