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| Die Lindwurmsage |
Vor vielen hundert Jahren, zum Ende des 12. Jahrhunderts, lebte auf dem Apoldaer Schloß ein Graf, der weit und breit gefürchtet war ob seiner Willkür und Gier nach weiterem Reichtum. Seine Liebe galt einzig seinem schönem Töchterlein. Dieses war von alt und jung geliebt und geachtet wegen seiner Tugend und Mildtätigkeit. Mit ihm erzogen wurde ein verweister Edelknabe, namens Veit. Die beiden jungen Leute liebten sich wie Geschwister, wuchsen gemeinsam auf und waren des tags beisammen. Als nun der Graf bei einem Sturze vom Pferde stark verletzt wurde und lange Zeit unter großen Schmerzen liegen mußte, war er besorgt um die Zukunft seiner Tochter. Ein Ritter, dem wiederholt die Gunst nicht hold war und abgewiesen wurde, bekam in der Stunde der Besinnung Förderung vom Grafen. Während dieser Zeit nämlich lebten nahe bei Apolda zwei schreckliche Lindwürmer, Ungeheuer, die ihr Unwesen trieben. Sie hielten die Umgebung in Angst und Schrecken und vernichteten alles, was in ihre Nähe kam. Als die Gemeinden deshalb das Land verlassen wollten, bat der alte Graf seinen künftigen Schwiegersohn, die Ungeheuer zu töten. Er zog hinaus, um den Grafen mutig zu erscheinen und die Tochter damit zu verdienen. Nach einem schweren Kampfe mit den Ungetümen unterlag er aber und kehrte nicht wieder zurück. Endlich ließ der Graf ausrufen, daß er dem Sieger über die beiden Lindwürmer reichen Lohn und die Tochter zur Frau geben wolle. Die Kunde trugen die Boten ins ganze Land, und doch blieben die Mutigen aus. Da machte sich der Edelknabe Veit, der sich als Knappe verdingte, eines nachts auf den Weg. Dabei gelangte er zu einer Klause, die ein Einsiedler bewohnte. Es war gerade Johannistag. Veit berichtete ihm von seinen Begehren und Willen, dem Wüten der gräßlichen Ungeheuer ein Ende zu bereiten und die Menschen aus ihrer Angst zu befreien. Dem Eremiten gefiel das wohl, und der Mut des Jünglings beeindruckte ihn sehr. Sodann überreichte er ihm ein geweihtes Schwert, gab seinen Segen und wies den Tapferen den Weg zum Sumpfe, wo die Lindwürmer auf Beute lauerten. Ihre kümmerlichen Flughäute trugen sie nicht mehr übers Land. Der Jüngling Veit fand das Getier der Hölle im tiefsten Schlafe, schlich sich heran und schlug ihnen die Schwänze ab, denn dort hatten sie ihr Leben und die ungeheuere Kraft. Nach kurzer Zeit schon waren sie verendet. Unter dem Triumpf der Bevölkerung wurde der Tapfere zum Schloß geleitet. Dort schlug ihn der Graf mit allen Ehren zum Ritter, indem er das geweihte Schwert achtungsvoll zur linken Schulter führte. Neben dem reichlichen Lohn erhielt Ritter Veit seine Jugendliebe zur Frau. Er wurde der Stammvater der Vitzthume von Apolda. Der Sumpf aber, wo die Lindwürmer einst hausten, wurde zugeschüttet und an seiner Stelle ein Dorf errichtet. Man nannte es früher der Gegend nach "Schütten". Die Tat zu würdigen und in Erinnerung dessen pflanzte das junge Brautpaar an jene Stelle eine Linde. Zu Ehren dieser mutigen Tat und im Gedenken feierten später die Bewohner an einem jeden Johannistag mit einem Umzug das Ereignis, gestalteten dies mit Roß und Mannen nach und schmückten sich mit Kornblumen des Sieges. Stets auch luden sie die Herren des Schlosses zu Apolda dazu ein. In den Jahren danach, längst stand wiederholt die Linde in der Blüte, meißelten Bildhauer die Geschichte um die Lindwürmer in eine Steinplatte. Diese erhielt später ihren Platz an der Friedhofsmauer vor Apolda und kam 1859 an die nördliche Außenmauer der Kapelle der Martinskirche, wo sie noch heute zu sehen ist. Einst prangte sie an der Quelle zu Schöten, wo die Menschen mit dem Wasser zugleich Mut schöpften. |
| Lindwurmsage im Nibelungenlied? |
Die jüngste Verfilmung der „Nibelungensage“ bzw. „Der Ring der Nibelungen“ ähnelt inhaltlich in frappierender Weise der hier bekannten „Lindwurmsage“. Der Text im „Meidinger's Jugendschriften Verlag“ erschienenen Ausgabe im Jahre 1910 nach der Vorlage von Simrock (Illustrationen von Max Wulff) geht mit den etwa 150 Jahre nach Christi beginnenden Streitigkeiten der Römer mit germanischen Völkerschaften einher. Das Römerreich erliegt schließlich 476 nach Christi. Die dürftige historisch belegbarere Kunde aus jener Zeit wird in einmaliger Weise „ergänzt“ vom reichen Sagenkreis, der vor allem mündlich weitergetragen wurde. Nicht sicher bekannt ist der Name des hochbegabten süddeutschen Dichters, der in einer ausdrucksreichen Dichtung etwa im Jahre 1200, dem Nibelungenliede, den weiten Sagenkreis zu verschmelzen sucht. So ist der gewaltigste der deutschen Helden, der Wälsunge Siegfried, abweichend in anderen Sagen als Held Sigurd oder Siegmund (der Sieglinde Sohn) bezeichnet, in fabelhaften Liedern, Gedichten, Dramen und Romanen überliefert. Das Nibelungenlied liegt in drei Hauptfassungen vor. Der in jener Zeit in Burgund (Worms) der Sage nach herrschende König Gibich ist vermählt mit dem zauberkundigen Weibe Kriemhild. Der als Sigurd benannte Held wird nicht von Hagen, sondern von Gundwurm, dem jüngsten der drei Königsbrüder, ermordet. Der Drachentöter Siegmund (Siegfried) erobert mit dem Sieg den Nibelungenhort (Nibelungen=Zwergengeschlecht, N.-König Alberich behütet Nibelungenhort) und will ausziehen, um Kriemhild zu werben, die bei ihrer Mutter Ute und ihren drei Königsbrüdern wohnt. Es kommt anders. Nach dem Bezwingen der gewaltigen Brunhild von Isenland (Island), König Gunter hilft Siegfried dabei, führt Siegfried Brunhild heim nach Xanten, während Gunter mit Kriemhild vermählt wird. Nach dem Streit der Königinnen und der Ermordung Siegfrieds wird der Nibelungenschatz (in der Hand der Burgunderkönige) im Rhein versenkt. Im zweiten Teil des Nibelungenliedes verschmelzen wieder historische Ereignisse mit dem Sagenhaften. Der Hunnenkönig Etzel wirbt um Siegfrieds Witwe, willigt ein, um für Siegfrieds Tod Rache an seinen Mördern nehmen zu können. Hunnenkönig Etzel rückt über Burg Bechlaren ins Hunnenland, wo er mit 1000 Mannen und 1000 Knechten den Tod findet. Kriemhild wird auch von Hildebrand erschlagen. Ein weiterer Sagenkreis, dem am Hofe Etzels spielt, umgibt die Heldengestalt Dietrich von Bern. Dieser Sagenkreis findet sich in der nordischen Thideksage wieder, der wiederum das Hildebrandlied angehört. Es ist in seiner ersten Fassung der älteste Text deutscher Sage, der auf uns überkommen ist. Nach dem Nibelungenlied wächst Siegfried unter der Obhut seiner Eltern zum Jüngling heran und wird gemeinsam mit 400 edlen Jünglingen zum Ritter geschlagen. In einer anderen Sage zieht der 12-jährige Siegfried heimlich „von des Vaters Burg herab“, geht zum Schmied Mime in die Lehre, schlägt dem „den Amboß in den Grund und Boden“ und zieht mit dem geweihten (heiligen) Schwert aus, den Lindwurm (Drachen) zu bezwingen. Erst danach wird er zum Ritter geschlagen. In der Sage schlägt Siegfried dem Ungetüm mehrere (Schlangen-)Köpfe ab (Hydra, aus der griechischen Sagenwelt), schüttet dann die Schlucht, den Pfuhl, mit Bäumen zu und zündet die Schlangengrube an. Während in der einen Sage Siegfried im Blute des besiegten Drachen (Natternbrut) badet, legt er sich in der anderen in das noch warme „Schlangenfett“, bekommt aber in beiden Fällen die feste Hornschicht, die in (fast) unbesiegbar werden läßt. Wenn da nicht das auf ihn herabgefallene Lindenblatt gewesen wäre ... Die Nattern waren aber nur die „Vorboten“, denn in einer anderen Sage wird dem Lindwurm mit neun Schlägen (neun Köpfe der Hydra) und dem „guten Schwerte“ die letzte Lebenskraft genommen. Die soll im Schwanz des Drachens konzentriert sein. Siegfried trennt mit einem letzten Schlag dem Lindwurm den Kopf ab und führt diesen als Zeichen seines Sieges mit nach Xanten. Erst jetzt verbrennt Siegfried der Sage nach den Lindwurm auf dem Scheiterhaufen und „badet im Blut und Fette“ ... Besonders die Drachentötung füllt die „Apoldaer Sage vom Lindwurm“ aus. Mut, Opferbereitschaft, der jugendliche Knappe oder junge Ritter, das Freien der schönen Königstochter (Tochter des Grafen), das Zuschütten des Sumpfes u.a. finden wir in der bekannten Sage unserer Heimatstadt wieder. Und auch in der Tiertrias (zu finden an der nördlichen Außenwand der Apoldaer Lutherkirche), die von Ullmann wissenschaftlich beschrieben wird, wird das „Erzählen“ eines Steinbildes beschrieben. Es bleibt uns eine wunderschöne Sagenwelt, die den Menschen in allen Jahrhunderten etwas erzählen will. Man muß nur zuhören und Gutes erkennen wollen. |
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